Die Grünen in Lüdinghausen: Anspruch und Wirklichkeit

Vorgestern fand ich einen Flyer der Lüdinghauser Grünen in meinem Briefkasten und hatte schon die Hoffnung, dass die Ökopartei, die zwar seit Februar unser Nachbar in der Münsterstraße, aber leider nie zu Hause ist, uns über grüne Erfolge informieren wollte.

Dabei dachte ich nicht nur an neue Straßenbäume als Sauerstofferzeuger, Schattenspender und Schadstofffilter vor der Tür des Öko-Headquarters, sondern auch an die immer weiter zunehmende Verödung der Innenstadt.

Das war dann die enttäuschte Hoffnung III

Der Flyer, der hier in der Nachbarschaft verteilt wurde, schürte zunächst die Hoffnung, dass die Partei jetzt endlich über 40 Jahre nach ihrer Gründung 1980 auf dem Weg zu einem sozial-ökologischen Umbruch ist.

Leider belegt der Werbezettel aber nur die bekannte Tatsache, dass Papier geduldig ist. Man liest darin nichts als (unerreichte) Ziele mit Feststellungen wie: „Durch unsere Arbeit im Stadtrat hat sich in den letzten Jahren einiges verändert.“ Gemeint ist, dass die Möchtegern-Ökos angeblich durchgesetzt haben, dass in Lüdinghausen ein Konzept zum Klimaschutz aufgestellt wird.

Man beachte das Tempus, es ist Futur I und damit auch nur eine weitere Zielvorstellung, die nach den Erfahrungen der letzten 40 Jahre mit den Grünen wohl kaum erreicht werden dürfte – und man muss ja auch fairerweise sagen: mit den anderen etablierten Parteien von CDU über SPD bis FDP erst recht nicht. Das ist wie die Wahl zwischen Pest, Cholera und Covid 19…

Die Bäume in der Münsterstraße

Vor zwei Jahren wurden die hohen Bäume an der Münsterstraße, die Sauerstoff und Schatten spendeten und Feinstaub und CO2 aus der Luft filterten, komplett abgeholzt, und bis heute gibt es keinen Ersatz dafür.

Da kommt es mir vor wie ein Hohn, wenn ich in dem Flyer Parolen wie „Klimaschutz jetzt“, „nachhaltige Anlage und Pflege von Grünflächen“ oder „Sicherung der Biodiversität“ lese.

Das sehen auch Insekten und Insektenfresser wie Vögel und Fledermäuse nicht anders, die keine Nahrung mehr finden.

Kohl- und Blaumeisen oder gar die Horden von Schwanzmeisen, die früher immer meinen Balkon bevölkerten, gibt es heute auch kaum noch.

Selbst Amsel „Schlaumi“, die früher regelmäßig an meine Balkontür klopfte und bei offener Tür sogar bis zu mir an meinem Computer-Arbeitsplatz in die Wohnung hüpfte, und um leckeres Obst wie Äpfeln, Kirschen oder Weintrauben zu erbetteln, lässt sich nur noch sehr selten hier sehen, obwohl der Schlumpf unter den Schwarzdrosseln nahezu immer erfolgreich ist…

Seit zwei Jahres bleiben selbst die Wespen, die früher jedes Jahr unter meinem Dach nisteten, weg. Und in der letzten Nacht, als ich wegen der Hitze alle Türen und Fenster weit geöffnet hatte, besuchte mich mal wieder eine kleine Fledermaus und zog ein gutes Dutzend Runden auf der Suche nach Insekten in meinem Einzimmer-Apartment im Forum Lüdinghausen.

Einige Tiere sind wirklich schon recht verzweifelt, andere wie beispielsweise die Spatzen sind extrem selten geworden und manche wie die bunten Buchfinken sind gar nicht mehr zu sehen.

Die Verödung der Innenstadt von Lüdinghausen

Wenn jemand zum Beispiel wegen seines Alters oder Erkrankungen nicht mehr gut zu Fuß ist, hat er in unserer Stadt gravierende Probleme, seinen Lebensunterhalt sicherzustellen.

In der gesamten Innenstadt gibt es für diese durchaus große Zahl an Mitbürgern (zu denen ich auch gehöre), keinen einzigen Lebensmittelladen mehr. Wer kein Auto besitzt und auch niemanden hat, der bereit ist, regelmäßig für ihn Lebensmittel einzukaufen, ist völlig aufgeschmissen und muss seine Wohnung in Lüdinghausens Innenstadt letztlich aufgeben.

Und komme mir niemand mit dem Bioladen an der Kirche, denn da gibt es Lebensmittel nur zu den sprichwörtlichen Apothekenpreisen. Ich habe dort schon Marmelade zum Preis von ungefähr 100 Euro gesehen – das kann sich ein Rentner in Grundsicherung wohl kaum leisten.

Böse Zungen behaupten ja auch, dass sich die Kundschaft dieses Bioladens hauptsächlich aus gutsituierten Grünen und Grünenwählern zusammensetzt, die sich einen Öko-Touch geben möchten…

Der letzte Sparkassen-Geldautomat in der Innenstadt hat dicht gemacht

Im letzten Monat wurde der letzte Geldautomat der doch eigentlich sozial verpflichteten weil steuerbefreiten Sparkasse geschlossen – vorgeblich wegen einer Warnung der Kriminalpolizei, dass das Gerät von Kriminellen herausgerissen oder gesprengt werden könnte.

Das müssten aber ziemlich dämliche Kriminelle sein, die Verbrechen am von allen Seiten einsehbaren Marktplatz wie auf dem Präsentierteller begehen.

Da ist doch eher zu vermuten, dass die Sparkasse genau wie mit dem Umzug der einzigen Filiale aus Lüdinghausens Innenstadt in den Speckgürtel eine Konsolidierung betreibt.

Wer den Weg zur Hauptstelle nicht mehr schafft, muss für die Benutzung der einzigen noch in der Innenstadt zu findenden Geldautomaten in der Volksbank dann 3,95 € für eine Bargeldabhebung bezahlen – und muss der Volksbank noch dankbar dafür sein, dass er sich überhaupt noch selbstständig mit Bargeld versorgen kann.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich gebe den Grünen keine Schuld daran, dass die Sparkasse sich inzwischen komplett aus Lüdinghausens Innenstadt zurückgezogen hat.

Die wirkliche Ursache für die Konsolidierung durch Schließung von Filialen, Entlassungen von Mitarbeitern oder das Dichtmachen von Geld- und anderen Automaten hat mehr mit den teils wirren Bemühungen der Politik der höheren Ebenen im Kampf gegen Corona zu tun:

Berichte in den Wirtschaftsblättern und -seiten legen nahe, dass in Kürze eine riesige Pleitewelle auf uns zurollt. Noch gilt der wegen der Corona-Pandemie verordnete Miet- und Insolvenzschutz für im Grunde schon lange zahlungsunfähige Unternehmen, aber wenn der ausläuft, dürften die Insolvenzen (auch Privatinsolvenzen) alle Rekorde brechen.

Am stärksten soll das den Wirtschaftsfachleuten nach in Deutschland die Sparkassen und die Volksbanken treffen, die aktuell noch sehr bemüht sind, die Höhe ihrer faulen Kredite unterm Deckel zu halten. Diesbezüglich sprechen vorsichtige Schätzungen von einem Volumen von 130 Milliarden Euro, weniger vorsichtige von bis zu 630 Milliarden.

Allerdings wäre es Sache der Politik und damit auch der Grünen im Stadtrat, die ErbsenGeldzähler hier zur Räson zu rufen, denn schließlich sind Sparkassen gemeinnützige öffentlich-rechtliche Universalbanken in kommunaler Trägerschaft.

Attraktivität der Innenstadt

Der Flyer der Grünen spricht auch von „nachhaltiger Wirtschaft“ , „Steigerung der Attraktivität der Innenstadt“ und von „Schaffung barrierefreien und bezahlbaren Wohnraums“.

Die Frage ist doch, was eine barrierefreie Wohnung nützt, wenn es der Weg dorthin nicht ist? Vor drei Tagen sah ich aus meinem Fenster zur Münsterstraße, sinnigerweise direkt vor dem Parteibüro der Grünen, wie ein gebeugter älterer Herr verzweifelt versuchte, mit seinem Rollator von der Straße auf den Bürgersteig zu kommen und immer wieder durch die Schräge der offenen „Gosse“ auf die Straße zurück rutschte.

Vorgestern machte ich eine Pause auf einer Bank am Marktplatz und konnte das gleiche Spiel noch einmal beobachten – diesmal war es der „Flachbrunnen“ (3-Burgen-Brunnen) vor der Markt-Apotheke, an dem ein andere älterer Herr mit Rollator scheiterte. Der Mann kam bedingt durch die Rillen am Boden nicht mehr vor und nicht mehr zurück.

Bei der Neugestaltung des Marktes vor ein paar Jahren war Barrierefreiheit für die Entscheider in der Politik wohl eher ein Fremdwort, denn von der Südseite her kommen Menschen mit Rollatoren oder Rollstühlen jetzt gar nicht mehr auf den Marktplatz.

Das sind nur meine aktuellsten Beobachtungen zur Barrierefreiheit für Menschen mit Rollatoren oder Rollstühlen in Lüdinghausens Innenstadt – aber im Grunde passiert das im Stadtzentrum jeden Tag.

Auch hier laufen Anspruch und Wirklichkeit deutlich auseinander…

Last not least: Das Freifunk-Bürgernetz

Last not least will ich noch den Slogan „Ausbau der Digitalisierung“ kurz beleuchten. Wer den Lüdinghauser Stadtserver kennt, weiß, dass da noch nicht viel passiert ist.

Wer dort zum Beispiel die Funktionen „Abmeldung“ oder „Anmeldung“ anklickt, erfährt im Grunde nur, dass er zu dem Zweck ins Rathaus kommen muss…

Für mich zählt aber zur Digitalisierung auch das vor ca. fünf Jahren recht intensiv beworbene Lüdingahuser Bürgernetz Freifunk.

Über dieses Netz können Menschen, die sich keinen eigenen Internetanschluss leisten können, über WLAN ins Internet gehen und zum Beispiel Internetseiten wie die des Stadtservers Luedinghausen.de aufrufen 😉 und auch Kontakt mit ihren Freunden und Verwandten halten, ohne dafür teure Mobilfunkvolumina kaufen zu müssen.

Inzwischen ist von den früher acht Zugangspunkten direkt am Markt nicht ein einziger mehr übrig. Auch das kann man wohl kaum als erfolgreiche Digitalpolitik verkaufen.

Man sieht also, dass es in unserem kleinen Münsterland-Städtchen noch an vielen Stellen hakt. Und wirklich Besserung zu schaffen ist sicherlich weitaus schwieriger, als kurz vor der nächsten Kommunalwahl im kommenden Monat in einem Werbe-Flyer wohlgesetzte und vielversprechende Sprüche zu klopfen, die auch gut aus einer Phrasendreschmaschine stammen könnten…

Screenshot: Flyer der Grünen, Fotos: Klaus Ahrens, Smartphone Huawei P10, CC BY-SA 4.0

Über Klaus

Ich beschäftige mich schon seit 40 Jahren mit dem Internet. Meine Schwerpunkte sind Seitenerstellung, Programmierung, Analysen, Recherchen und Texte (auch Übersetzungen aus dem Englischen oder Niederländischen), Fotografie und ganz besonders die sozialen Aspekte der "Brave New World" oder in Merkel-Neusprech des "Neulands".
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