Gefangene eines verarmenden Produktivitätswachstums

Taxis_Wiki_MattiBlume_MB-oneViele anerkannte Ökonomen prophezeihen uns massive Arbeitsplatzverluste, besonders in der Mittelschicht, durch die fortschreitende Digitalisierung. In Deutschland herrscht zwar noch eine gewisse Gelassenheit, weil die Arbeitslosenzahlen der BA vermeintlich ein positives Bild zeigen, aber dieses Bild ist trügerisch – fragen Sie mal Menschen in prekären Situationen.

In Deutschland wurde so mancher belächelt, der vor dem Jobkiller Computer warnte. Vermeintlich aufgeklärtere Zeitgenossen belächelten die Mahner gerne und verwiesen gerne auf ihr (falsches) Credo, dass Arbeitsplätze, die an der einen Stelle verloren gingen, bekanntlich an anderer Stelle der Wirtschaft neu entstünden, es gäbe also keinen Grund zur Panik.

Aktuelle Studien sprechen eine deutliche Sprache

Internationale Studien renommierter Wissenschaftler zeigen aber etwas ganz anderes. Es ist keine Kleinigkeit, wenn immer größere Teile der Wertschöpfung nicht mehr in der physischen Welt stattfinden, sondern in Form von Daten. So warnt beispielsweise eine Untersuchung der britischen Universität Oxford davor, dass knapp die Hälfte aller heutigen Jobs auf dem Spiel stünden. 

In den nächsten Jahrzehnten würden überwiegend Arbeitsplätze in Transport und Logistik überflüssig (da denkt man an Uber & Co und die Taxifahrer), aber auch ein Großteil der Beschäftigten in Büros und Verwaltungen. Die immer intensivere Computerisierung des 21. Jahrhunderts werde zwar besonders geringer qualifizierte Niedrigverdiener treffen, aber bei Weitem nicht nur sie.

Den (noch) wohlhabenden Mittelschichten werde die digitale Revolution der Wirtschaft eine “lange Misere” bringen, sagen die namhaften US-Ökonomen Jeffrey Sachs und Laurence Kotlikoff in einer anderen Untersuchung vorher. Die Welt sei gefangen in einem “verarmenden Produktivitätswachstum”: Die Maschinen würden immer klüger und leistungsfähiger, aber für die Masse der Menschen springen dabei keine Vorteile heraus.

Von Fülle und Streuung

Auch Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) sehen die Digitalisierung mit gemischten Gefühlen. Ihr Bestseller “The New Machine Age” stellt zwei Effekte heraus, einen positiven und einen negativen. Den positiven nennen die beiden Ökonomen”Fülle” (“Bounty“), den negativen “Streuung” (“Spread”).

Auf der einen Seite steige die Verfügbarkeit von digitalisierbaren Dingen und Diensten bei immer weiter sinkenden Preisen dramatisch an, auf der anderen Seite kämen die Erträge der dafür verantwortlichen neuen Produktionsweisen nur sehr wenigen zugute, was in einer sehr extremen Polarisierung von Einkommen, aber auch Entfaltungschancen resultiere.

Die Botschaft der aktuellen Studien ist im Grunde immer gleich: Die Digitalisierung mag für die Verbraucher und für jene Unternehmen, die die neuen Technologien zu nutzen wissen, eine tolle Sache sein. Aber was aus der Mehrheit der Beschäftigten wird, deren Tätigkeiten von immer schlaueren Maschinen ersetzt werden, steht in den Sternen.

Aktuell sind die Taxifahrer dran

Derzeit ist die Taxibranche dran: In der Ära von Smartphone und Navi werden die klassischen Fähigkeiten der Taxifahrer wie beispielsweise ihre Ortskenntnis und die der Taxizentralen, nämlich Kunden und Fahrer auf kurzem Wege zusammenzubringen, radikal entwertet.

Das kann nicht ohne Folgen bleiben. Zunächst brachten Apps wie My Taxi die Taxizentralen in Bedrängnis, indem sie Fahrer und Fahrgast direkte verbanden. Jetzt wehrt sich die Taxibranche gegen Uber & Co, also Dienste, die private PKW-Fahrer und Beförderungswillige verkuppeln. 

Gerade die Taxi-Apps zeigen, wie ein richtig altes Gewerbe in kürzester Zeit durch Smartphones und Software in existenzielle Not kommt. 

Die “Digitale Agenda” der Regierung vernichtet massiv Arbeitsplätze

Dummerweise zielt die “Digitale Agenda” der deutschen Bundesregierung vor allem auf Deutschlands produzierende Unternehmen. Sie könnten davon profitieren, wenn die Maschinen miteinander übers Internet zu kommunizieren begännen (Industrie 4.0 – könnte das Unwort des nächsten Jahres werden…), wenn Roboter immer flexibler und Autos selbstfahrend werden.

Im Prinzip stimmt das ja sogar. Die Frage ist nur, wie viele Menschen dann noch in solchen Unternehmen arbeiten werden. Die Industrie ist schon lange nicht mehr der große Jobmotor in Deutschland.

Dass die Zahl der Industrie-Arbeitsplätze seit ca zehn Jahren weitgehend konstant ist, gilt bei Politikern schon als Erfolg, weil die Zahl der Produktionsjobs in vielen anderen Ländern stark geschrumpft ist.

Wer ein Problem nicht sehen kann, findet auch keine Lösung dafür

Dabei kommt es nicht darauf an, wie manche Seehofers meinen, dass unbedingt jeder Mensch arbeiten muss, um mit dem Lebensnotwendigen versorgt zu sein. Denn kein Mensch kann Smartphones so “wirtschaftlich” produzieren wie ein Roboter. Wer soll diese Geräte aber kaufen, wenn er keine Arbeit und damit kein Geld hat? Der Roboter?

Eine Regierung, die sich eine Digitale Agenda auf die Fahnen schreibt, sollte endlich beginnen nachhaltige Lösungen für das Dilemma zu suchen – es bleibt nicht mehr viel Zeit.

Bild: Taxis at EDDT-(jha) von Matti Blume CC

Über Klaus

Ich beschäftige mich schon seit 40 Jahren mit dem Internet. Meine Schwerpunkte sind Seitenerstellung, Programmierung, Analysen, Recherchen und Texte (auch Übersetzungen aus dem Englischen oder Niederländischen), Fotografie und ganz besonders die sozialen Aspekte der "Brave New World" oder in Merkel-Neusprech des "Neulands".
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