IRTF – Angriff der Philosophen auf die Internetprotokolle

Ich gebe zu, der Titel dieses Beitrages lässt bei den meisten erst einmal ein Fragezeichen in einer Denkblase über dem Kopf erscheinen. Oder einen digitalisierten Richard David Precht im Protokoll, ohne dessen Zustimmung es kein ACK mehr gibt?

Verteidigung universeller Menschenrechte mittels Internetprotokollen

Dabei geht es um nichts Geringeres als die Grundregeln, nach denen in Zukunft weltweit gültige Internetprotokolle entwickelt werden sollen. Eine Expertengruppe der Internet Research Task Force (IRTF), die Human Rights Research Group, hat nach fast zwei Jahren Diskussion die inzwischen elfte Version ihres Entwurfs zum Thema Menschenrechte veröffentlicht.

Ziel dieses informellen Dokuments ist es, die Entwickler zukünftiger Internetprotokolle dazu anzuregen, die Verteidigung von universellen Menschenrechte schon im Protokolldesign des Internets anzulegen.

Viele wehren sich aber aus guten und auch nachvollziehbaren Gründen gegen eine Politisierung der Internetprotokolle.

Details des Entwurfes

Die Autoren des neuen RFC-Entwurfs (Request for Comments) haben mehr als 80 Fragen zum Thema Menschenrechte in 18 verschiedenen Kategorien gesammelt, die sich die Protokollentwickler schon während der Arbeit stellen sollen.

Es sind Fragen wie beispielsweise “Könnte dein Protokoll irgendwie die Vertraulichkeit von Metadaten beeinflussen?”, wobei es um die Verhinderung der Profilbildung von Surfern geht, oder “Priorisiert dein Protokoll bestimmte Inhalte oder Dienste gegenüber anderen während des Routing-Prozesses?”, wo die Netzneutralität sicher gestellt werden soll.

IETF und IRTF

Eigentlich ist die Internet Research Task Force (IRTF) ja eine Schwesterorganisation der Internet Engineering Task Force (IETF), die seit mehr als 30 Jahren für die Standardisierung der grundlegenden Internetprotokolle wie zum Beispiel IPv6 oder TCP verantwortlich ist.

Es gibt allerdings viele Überschneidungen zwischen den beiden Organisation, die teilweise auch recht eng zusammenarbeiten. Aber gerade die Arbeit über Menschenrechte ist in der IETF ganz offensichtlich eine heikle Angelegenheit.

Techies halten Protokolle für wertneutral

Denn die Ingenieure des Clubs sehen sich selbst und die von ihnen geschaffenen Protokolle meist eher unpolitisch und insbesondere wertneutral – und spätestens das ist schon nicht mehr mit Betriebsblindheit zu erklären, wie unsere beiden obigen Beispiele (Profilbildung und Netzneutralität) doch recht gut veranschaulichen.

Wenn schon ein Wertesystem, dann meins!

Wenn auf die Frage, ob Internetprotokolle ein eingebautes Wertesystem enthalten dürfen oder sogar müssen, nur noch die Antwort kommt: “Ja, solange es die von mir favorisierten Werte sind”, liegt der Finger auf alle Fälle schon mal mittig in der Wunde…

Das verdeutlicht auch die folgende Nachricht aus Pakistan, die Heise gerade veröffentlicht hat: Das pakistianische Innenministerium soll nach dem Willen des Premierministers Nawaz Sharif so schnell wie möglich dafür sorgen, dass alle Webseiten und Foren mit gotteslästerlichen Inhalten gesperrt werden.”

Über Klaus

Ich beschäftige mich schon seit 40 Jahren mit dem Internet. Meine Schwerpunkte sind Seitenerstellung, Programmierung, Analysen, Recherchen und Texte (auch Übersetzungen aus dem Englischen oder Niederländischen), Fotografie und ganz besonders die sozialen Aspekte der "Brave New World" oder in Merkel-Neusprech des "Neulands".
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