Erinnerungen: Nach Venedig nur noch mit Tagesticket

An die Lagunenstadt Venedig in der nördlichen Adria habe ich eher gemischte Erinnerungen. Während meines Studiums in Essen in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts war ich häufig als Zugbegleiter für Reiseunternehmen wie Hummels, Scharnow und Dr. Tigges dorthin unterwegs.

Damals gab es noch kein Anti-Diskriminierungsgesetz

Damals gab es beim Vorläufer des heutigen BaFög, dem Honnefer Modell, noch weniger für Zweitgeborene als für Erstgeborene. Während mein ein Jahr älterer Bruder, der in Münster Sozialpädagogik studierte (er möge in der tiefsten Hölle schmoren) mit satten 280 DM im Monat unterstützt wurde, bekam ich für das Studium der allgemeinen Elektrotechnik nur 110 DM Unterstützung, so dass ich wie auch mein Essener WG-Partner  und Kommilitone Gunnar Haubold neben dem Studium Geld hinzuverdienen musste.

Einer von uns beiden ging unter der Woche in die Vorlesungen und schrieb mit, der andere ging zu Karstadt zum Möbelschleppen gegen kleines Geld.

Am Wochenende waren wir meist beide als “Zugpagen” in grauen Uniformen für deutsche Edel-Reisegesellschaften in die Feriengebiete unterwegs und trugen Koffer, machten die Betten und verkauften Coca Cola – und kassierten auch zusätzlich noch Trinkgeld von den Reisenden. 😎

Man fuhr schon in den Sechzigern mit dem Zug durch den Bahnhof des Festlandsteils Mestre der Stadt, die auch La Serenissima genannt wird und in der ich auch die erste Pizza meines Lebens aß, bis zum Bahnhof Santa Lucia im historischen Zentrum auf über 100 Inseln mit fast 400 Brücken mitten in der Lagune.

Der letzte Besuch in Venedig war nur sehr kurz

Mein letzter Besuch in Venedig war vor gut 40 Jahren auf der Rückfahrt von einem Urlaub mit Frau und Tochter aus der französischen Camargue nach Hause. Ich wollte den beiden die Stadt zeigen, die ich als Student so oft besucht hatte, aber sie war völlig überfüllt mit Touristen und der Aufenthalt war auch nur sehr kurz: Der Parkhausbetreiber wollte nämlich meinen Autoschlüssel haben, angeblich, um es “notfalls” umparken zu können.

Als ich mich weigerte, weil ich Diebstahl befürchtete, wies mich der Betreiber darauf hin, dass im Nachbar-Parkhaus geklaut würde, aber bei ihm nicht. Das führte dann erst recht dazu, dass es zurück nach Mestre und dann weiter bis Cortina d’Ampezzo in den Alpen ging, wo wir dann übernachteten.

Der Tourismus zerstört die Stadt

In den folgenden Jahren fuhren immer mehr und immer größere Kreuzfahrtschiffe durch den Giudecca-Kanal vorbei am Markusplatz und legten am Hafen im Westen der Altstadt nahe dem Bahnhof an, wo sie mit ihrem Wellenschlag besonders die Gebäude gefährdeten. Das wurde inzwischen inzwischen schon in einem langen Verfahren ab 2014 verboten. Das reicht aber noch nicht, wenn Venedig erhalten bleiben soll.

Jetzt müssen Tagestouristen zahlen – wie in einem großes Freilichtmuseum

Nun greift eine weitere Regulierung, die die Belastung der Stadt reduzieren soll: Touristen, die Venedig besuchen wollen, müssen dafür ab dem nächsten Jahr Tagestickets kaufen. Mit dieser ab dem 16. Januar 2023 geltenden Regel sollen die Gästeströme in Venedig und auf den umliegenden Inseln vor allem zu den Spitzenbesuchszeiten geregelt werden:

Wer nicht in Venedig übernachtet, muss sich im Internet für das geplante Datum seines Aufenthalts anmelden. Die Gebühr dafür beträgt zwischen drei und zehn Euro. Die Höhe ist davon abhängig, wie weit im Voraus gebucht wird und ob es sich um die Hochsaison handelt – Frühbucher zahlen weniger. Mit einem QR-Code können Touristen dann ihr Ticket vorzeigen. Ausnahmen davon gibt es für Kinder unter sechs Jahren, Menschen mit Behinderungen, Einheimische und für in Venedig Geborene.

Bild: Wikipedia, Wolfgang Moroder, CC BY-SA 3.0

Über Klaus

Ich beschäftige mich schon seit 40 Jahren mit dem Internet. Meine Schwerpunkte sind Seitenerstellung, Programmierung, Analysen, Recherchen und Texte (auch Übersetzungen aus dem Englischen oder Niederländischen), Fotografie und ganz besonders die sozialen Aspekte der "Brave New World" oder in Merkel-Neusprech des "Neulands".
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines, Kommentar, Soziales abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.