Spott und Kritik für das Kaufhaus Österreich

Bis heute hielt ich die völlig sinnfreie, dafür aber um so teuerere deutsche Corona-Warn-App für den Spitzenkandidaten für die Silberne Zitrone in der Rubrik „Staatliche Gelder verbrennen“. Aber unsere Nachbarn in Österreich können das mindestens genau so gut – nur vielleicht etwas billiger…

Der Start des „Kaufhaus Österreich“

Um die Händlern des südlichen Bergvolkes im Kampf gegen Amazon, Zalando & Co zu unterstützen, startete die österreichische Regierung ein „Kaufhaus Österreich„.

In dem neuen Kaufhaus Österreich kann man aber dummerweise absolut nichts kaufen – es soll Verbraucher  nur zu österreichischen Internetshops weiterleiten. Als Betreiber fungieren das Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort und die Wirtschaftskammer Österreich.

Programmiert hat die Webseite das staatliche Bundesrechenzentrum für immerhin 627.000 Euro. Am „Cyber Monday“ vor drei Tagen ging die Internetseite online, und seit gestern läuft eine landesweite Werbekampagne für das Kaufhaus ohne Waren.

Auch die Hochlandversion der Bild-Zeitung, die Kronen-Zeitung, bewirbt das Machwerk mit den markigen Worten: „Österreich trotzt Online-Riesen!“  – eine gewagte Behauptung…

Erstaunte Interessenten, die das Kaufhaus Österreich aufrufen, finden dort ein Webverzeichnis, wie sie vor einem Vierteljahrhundert üblich waren. Österreichische Benutzer und Experten verreißen das behördliche Machwerk nach allen Regeln der Kunst.

Das reicht von Kritik an der fehlenden Beachtung des Datenschutzes über Fremdschämen für ein Webverzeichnis, wie es vielleicht vor 25 Jahren noch „nett“ gewesen wäre bis hin zum puren Entsetzen über die Kosten des Projekts von über einer halben Million Euro – für nichts als eine digitale Liste, die jeder Feld-, Wald- und Wiesenprogrammierer auch für 1 % dieses Preises gerne erstellt.

Weil Interessenten nicht etwa nach Produkten, sondern ausschließlich nach kaum intuitiven Kategorien suchen können, bleibt ihnen in dem Pseudo-Kaufhaus im Grunde nur eine sinnvolle Anwendung: Gibt man den Namens eines bereits bekannten Händlers ein, dann wird ein Link zu seinem Onlineshop angeboten – allerdings nur, wenn sich der Händler vorher registriert hatte…

Eine Suche nach „Chromebook“ oder „Fernrohr“ wird im Kaufhaus Österreich nicht fündig, und sucht man nach „Squash“ findet das Kaufhaus einen einzigen Webshop, der aber nur Software für Tennisvereine, Squashclubs und Kegelbahnen anbietet.

Gibt man etwa den Begriff „Telefon“ ein, dann erscheinen ein Dutzend Firmen vom Bäcker über einen Malermeister bis hin zum Hundetrainer. Ein echter Telefonshop ist allerdings nicht dabei. Das könnten natürlich Shopbetreiber sein, die auch ihr Telefon in die Liste eingetragen haben…

Eine qualitätsgesicherte Basisinfrastruktur für Online-Shops?

Lachen Stock-Vektoren und -Grafiken - iStockIm verbalen Aufmotzen und Schönfärben sind die öffentlichen Betreiber offenbar Spitze, denn sie bezeichnen das Kaufhaus Österreich als „qualitätsgesicherte Basisinfrastruktur für Online-Shops“. Erklärtes Ziel ist, „einen Beitrag zur Stärkung von E-Commerce in Österreich zu leisten“.

Die Digitalisierungsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) möchte damit ihre Bürger dazu bewegen, weniger bei ausländischen Konzernen wie Amazon und mehr bei regionalen Betrieben zu bestellen.

Die Einträge sind gebührenfrei und aktuell sind etwa tausend Unternehmer im 17 Kategorien (und neun weitere Plattformen) gelistet. Was diese Firmen aber konkret anbieten, muss man dann allerdings wie in der Steinzeit des Internet auf deren jeweiligen Webseiten in Erfahrung bringen, weil das Kaufhaus Österreich keine Waren auflistet.

Manche der eingetragenen Links führen zu Amazon-Shops, was ja dem Zweck der Plattform diametral entgegensteht. Neben dem Verbraucherbereich hat das Kaufhaus Österreich auch ein „Wissensangebot“ für Unternehmen, die sich bisher online noch weniger zurechtgefunden haben als die behördlichen Betreiber des Kaufhauses Österreich.

Vorgesehen ist auch die Suche nach Orten, auch wenn das ebenfalls der Idee des Onlinehandels zuwiderlaufen dürfte. Mit Eingabe von „Oberwart“, der drittgrößten Stadt des Burgenlandes, zeigt das Kaufhaus Österreich genau ein Ergebnis: Eine belgische Textilienkette, die in Oberwart eine zur Zeit geschlossene Filiale unterhält. Der verlinkte Webshop hat zwar geöffnet, wird aber von einer Firma mit Sitz in der Schweiz betrieben, und zwar unter der Aufsicht der Bezirksregierung Düsseldorf. 😉

Ein gutes Beispiel eines schlechten Beispiels – bitte nicht nachmachen!

Über Klaus

Ich beschäftige mich schon seit 40 Jahren mit dem Internet. Meine Schwerpunkte sind Seitenerstellung, Programmierung, Analysen, Recherchen und Texte (auch Übersetzungen aus dem Englischen oder Niederländischen), Fotografie und ganz besonders die sozialen Aspekte der "Brave New World" oder in Merkel-Neusprech des "Neulands".
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